Birgitta Assheuer

Birgitta Assheuer

Das Heiligenspiel von Ursula Niehaus, das am 16. Januar erscheint, ist bereits der fünfte historische Roman, den die profilierte Sprecherin Birgitta Assheuer mit ihrer sinnlichen Stimme für Argon eingelesen hat. Im Interview spricht sie über die Faszination historischer Stoffe und ihre Arbeit als Sprecherin.


Frau Assheuer, was reizt Sie an Ihrer Arbeit als Hörbuchsprecherin?

Die Möglichkeit, einem Text mit Sinn und Verstand, Atem und Stimme zu begegnen, das ist ein wunderbar subjektiver Umgang mit fremden Texten. Der immer neue Versuch, in das Leben eines Romans hineinzusteigen in all seinen Facetten, ist einfach aufregend.

Sie arbeiten für den Argon Verlag viel mit historischen Stoffen. Was zeichnet dieses Genre Ihrer Meinung nach aus?

Die Romane, die ich bisher für Argon las, beschreiben kenntnisreich den Alltag der niederen Stände und die satte, ausstaffierte Seite der Macht. Sie schildern Menschen, die einen findigen Umgang mit diesen Machtstrukturen entwickeln, die sich ja bis ins Kleinste durchdrücken, und, na klar, am Ende steht meist der lang ersehnte Blick, der Brief, die erhoffte Wendung zum Besseren.

Haben Sie eine Lieblingsepoche?

Mich beschäftigt das ausgehende 19. Jahrhundert bis tief hinein ins 20. Jahrhundert, die Verarbeitung tiefgreifender Ereignisse aus der Perspektive von Frauen erzählt, berichtet, geschildert, analysiert. Dieser spezifische Blick fließt ja auch in die Argon-Romane ein.

Wie bereiten Sie sich auf eine Aufnahme vor?

Zuerst bekomme ich die ungekürzte Fassung eines Romans. Da leben die Romanfiguren noch in epischer Breite. Die zentrale Aufgabe ist ja, den Text zu strukturieren, nachzuvollziehen, wer sich warum wie entwickelt, die Erzählperspektive klären. Aus welcher Haltung lebt, spricht meine Hauptfigur, in welchem Verhältnis steht sie zu den anderen Personen im Text, welche Entwicklungen finden statt ‫ ich muss mir den Roman selbst noch einmal erzählen, um eine Haltung zum Geschehen einnehmen zu können. Denn in dieser Haltung liegt die Hauptentscheidung, die ich gemeinsam mit der Regie treffen muss.

Haben Sie besondere Inspirationen oder Vorbilder für Ihre Arbeit als Sprecherin ?

Lesen ist das laute und hörbare Denken und Empfinden, ohne Zurschaustellung der Person des Lesers, der Geschichte ‫ unspektakulär, aber genau schildernd, immer entschieden in der Haltung. Alles andere ergibt sich von selbst daraus. Sind die Eigenheiten der Personen einmal fest in mir verankert, färben sie die Stimme fast wie von selbst, entscheiden auch über Tempo, Witz, Lächeln oder Ernst. Oft entsteht dann ein Sog, der durch den Text trägt.

Für Argon haben Sie schon mehrere Romane eingelesen. Hat Sie einer von ihnen besonders beschäftigt?

Die Seelen im Feuer hat mich besonders stark gefordert. Die große Nähe des Romans zu einer dokumentierten und verbürgten Familiengeschichte, die eben nicht gänzlich erfunden wurde, hat mich regelrecht eingefangen, und es war schwierig, diese Welt wieder zu verlassen. Die Seidenweberin wiederum hat mich auf leichtere, warme Weise mit dem mittelalterlichen Köln verbunden. Und Die Stunde des Venezianers war herrlich in seiner kühnen klugen Frauenfigur und seinen starken Charakteren.