Mich wundert nicht erst seit gestern, dass sich kaum jemand in unserer Branche, zumal diese ja nun sehr sprachbewusst ist, an den Begrifflichkeiten stört, mit denen die Urheberrechtsdebatte in den vergangenen Jahren geführt wird. Wahlweise ist da von Contentindustrie, Buchindustrie, Verwertern oder gerne auch Verwertungsindustrie die Rede, wenn es um unsere Verlagsbranche geht. Vor allem der Begriff Industrie wird immer wieder gern genommen.

Nun wissen wir ja, dass in hitzigen Debatten gerne auch Worte zu Waffen geschmiedet werden. Der Anhänger natürlicher Heilmethoden bezeichnet die konventionelle Lehre mit der antisemitischen Vokabel Schulmedizin, es gibt den Ausländerfeind und den Freund von Menschen mit Migrationshintergrund und wir erinnern uns an die 80er Jahre, als die Befürworter dieser Technik es gern gehört hätten, dass man Kernenergie sagt, was irgendwie klinisch und geschmeidig klingt, während die Gegner das selbe Ding doch lieber brachialer als Atomkraft benannt haben wollten. Der Trick dabei besteht darin, zunächst mal die eigene Wunschvokabel in der Debatte durchzusetzen.

So auch im Fall der Urheberrechtsdebatte. Wer will schon dem kleinen, rührigen Verlag was böses, ihm vielleicht sogar die Existenzgrundlage entziehen? Der Verwertungsindustrie hingegen, der will man doch gerne mal den einen oder anderen Zahn ziehen. Was ist schon ein Verwurster – äh, Verzeihung! – Verwerter wert in einem Spiel, bei dem auf der einen Seite der Kreative und auf der anderen die Leser stehen? Und natürlich ist das ganze eine Industrie. Industrie, da schwingt so schön mit: Fließband, Massenproduktion, Wachstumshunger, Ausbeutung der Beschäftigten, Profit.

Heißt im Klartext: Bei Büchern und Hörbüchern handelt es sich also angeblich um Industrieprodukte von Verwertern. Ist der Begriff Verwertungsindustrie erst einmal erfolgreich etabliert, dann debattiert es sich gleich umso geschmeidiger. Die Verwertungsindustrie meldet eigene Interessen an? Bäh, wie fies!

Aber wie ist es denn wirklich? Das Statistische Bundesamt meldet folgende Zahlen (2009): Es gibt etwa 1.870 „Verlage von Büchern“ (22,4% von 6.800 Verlagsunternehmen im weiteren Sinne) und in diesen arbeiten rund 23.500 Menschen (12,2% von 192.000). Im Schnitt arbeiten also in einem Verlag 13 Menschen. Etwa die Hälfte der Verlage erwirtschaftet jeweils einen Jahresumsatz von unter 250.000 €. Zunächst mal rein quantitativ: Sind das die Attribute einer Industrie?

Nun qualitativ: Was machen denn diese 23.500 Menschen so von früh bis abends, wenn sie das kostbare Gut der Kreativen verwerten? Sie erfinden und finden Themen, beraten Autoren, lektorieren, redigieren, korrigieren Texte, organisieren und betreuen Übersetzungen, machen sich Gedanken über gestalterische Elemente wie Schrifttype, Layout, Covermotiv, Papiersorte, Verpackung, sprechen darüber mit Grafikern und Fotographen, begleiten und betreuen ein Projekt von der der Idee bis zur Publikationsreife. Beim Hörbuchverlag kommt dann noch die Erstellung der Hörfassung, die Sprecherfindung, Vorbereitung, Regie und Qualitätskontrolle hinzu  Für diese Arbeitsschritte braucht es Bildung, Fantasie, soziale Kompetenz, Disziplin und Enthusiasmus. Rein gar nichts an diesem Prozess hat auch nur im Entferntesten etwas mit industrieller Verfahrenweise zu tun.

In der Folge setzen dann die Arbeitsschritte ein, die dazu dienen, die Verbreitung der Publikation zu fördern: Vertrieb, Marketing, Pressearbeit und Werbung. Und auch wenn es hierbei um so prosaische Dinge wie Umsatz, Absatz und Kosten geht, so sind in diesem Prozess abermals Fertigkeiten vonnöten, die sich beileibe nicht im industriellen Stile abrufen ließen: Kommunikationsfähigkeit, Überzeugungskraft, wiederum viel Fantasie und Kreativität, und vor allem Leidenschaft für das Produkt.

Es ist ein Thema für sich, dass die handelnden Personen damit ihren Lebensunterhalt bestreiten und die hierdurch entstehenden Kosten am Ende dem Lesepublikum in Form des Buchpreises abverlangt werden. Da will doch unsere Industrie tatsächlich Reibach machen. Merke: kleine Firmen verlangen für gute Arbeit eine angemessene Honorierung, Industrien hingegen geht es allein um den Profit.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Würdigung, die die Auseinandersetzung von Youtube mit der GEMA erfährt. Hier steht auf der einen Seite mit Google ein weltweit operierender Konzern. Auf der anderen Seite eine Vereinigung der Kreativen, in diesem Fall Komponisten und Textdichter. Die Urheberrechtsdiskussion verläuft seit einer Weile typischerweise so, dass behauptet wird, Künstler und Publikum hätten gar kein Problem miteinander. Ihr gedeihliches Miteinander würde nur durch eine raffgierige Verwertungsindustrie, also etwa Verlage, Musiklabels und Filmfirmen, gestört. Nun treten hier die Künstler selbst in Erscheinung (Nein, die GEMA ist keineswegs Teil der Verwertungsindustrie, sie ist ein mal mehr mal weniger einfacher Verhandlungspartner!) im Konflikt mit einem prägenden Internet-Konzern. Die vielgescholtene Verwertungsindustrie ist bei dieser Auseinandersetzung in der Zuschauerrolle, hat eine eigene kritische Position und plötzlich dreht sich in vielen Diskussionsbeiträgen der Wind. Der Großkonzern (eines seiner Wesenmerkmale ist der hohe Automatisierungsgrad, man könnte versucht sein ihn industriell zu nennen, ebenso seinen Umsatz von zuletzt 37,9 Milliarden US$) erntet tendenziell die Sympathien, während die Interessenvertretung der Künstler kritisiert wird, bis zur häufig in Kommentaren zu lesenden Empfehlung, sie mögen ihre Vereinigung auflösen. Merke: Den wohl ziemlich einzigen Verwerter der Inhalte anderer, der mit industriellen Verfahren und ohne die Künstler in irgendeiner Form zu betreuen und mit diesem Geschäftsmodell einen Milliardengewinn erwirtschaftet (zuletzt durchschnittlich 1 Milliarde US$ pro Quartal) will dann doch niemand so recht kritisieren.

Zurück zu unserer Branche: mit ihrer traditionellen Orientierung eignet sie sich ja vortrefflich für so manchen Spott: Holzmedien stellen wir her, unsere Repräsentanten verhaspeln sich gerne mal, wenn sie Internet-Phänomene bewerten wollen und ja, wir sind wohl die letzten, die noch Faxnummern auf ihre Visitenkarten schreiben; ach ja: Visitenkarten, sind natürlich auch albern und hat keiner mehr.

Unterhalb dieser Oberflächlichkeiten ergibt sich jedoch ein ganz anderes Bild. Unsere Branche strotzt vor Know How zu allen gegenwärtigen Medien und insbesondere zum Thema des Urheberrechts. Es ist geradezu grotesk, dass sich in den Medien Parteien (und damit meine ich nicht allein die Piratenpartei) zu der Thematik ausgiebig äußern dürfen und ihnen bedenkenlos der Status von Experten zuerkannt wird, während sich die eigentlichen Experten, die täglich mit dem Urheberrecht umgehen, beileibe auch nicht jede Regelung glücklich finden, aber in jedem Fall das Geflecht der Interessen überblicken, kaum Gehör verschaffen können. Der Schreiber dieser Zeilen etwa hatte selbst das Vergnügen, vor einer Weile ein Treffen der ortsansässigen Piratenpartei zu besuchen und feststellen zu dürfen, dass die Lizenzform creative commons dort zunächst gründlich von ihm erörtert werden musste, bevor überhaupt auf einem Basisniveau darüber diskutiert werden konnte.

Ohne jedoch nun zu viele Baustellen auf einmal eröffnen zu wollen: Die Begriffe Verwerter und Industrie sind eine absichtsvolle Akzentsetzung in der Diskussion, auf die wir uns mit unserer Branche keineswegs einlassen sollten. Es gibt viel zu diskutieren, heute und in den nächsten Jahren. Aber bitte sachlich und in fairer Sprache.

Kilian Kissling, Argon Verlag