Untergetaucht hallt noch lange nach dem Hören im Kopf nach. Wie gelingt es einem auf sich allein gestellten Mädchen während des nationalsozialistischen Terrors im Berliner Untergrund zu überleben? Woher nimmt sie in der ständigen Bedrohung ihren unbedingten Willen und ihren Optimismus? Woher ihre Schlagfertigkeit und ihren Charme, die sie immer wieder aus gefährlichen Situationen retten? Wie leicht hätte man selbst an ihrer Stelle aufgegeben? Erst 50 Jahre später und kurz vor ihrem Tod hat Marie Jalowicz Simon auf 77 Kassetten über ihren Alltag als »Judentaucher« im Berlin der 1940er gesprochen. Ihr Bericht besticht durch seine Klarheit, seinen Humor und seinen ganz gegenwärtigen Ton.

 Mit scharfem Auge und Berliner Schnauze in den Untergrund

Im Jahr 1941 ist Marie Jalowicz 19 Jahre alt und  nach dem Tod ihres Vaters ganz allein. Sie ist Jüdin, sie lebt in Berlin und sie durchschaut genau, was die Nazis vorhaben: „Ich will mich retten. Ich werde nicht mitgehen, ohne mich zu wehren. Denn das wäre der sichere Tod.“ Als im Juni 1942 tatsächlich die Gestapo vor der Tür steht, rettet sie sich mit Geistesgegenwart in die Rolle des blonden Dummchens. Im breitetesten Berlinerisch behauptet sie, sich bei der Nachbarin im Tiefparterre »nur ’n Stücke Brot borgen« zu wollen, denn »so ’ne Vernehmung, die kann doch ’ne janze Stunde dauern, wa?« Während sie im Unterrock davonrennt, hält ihre ebenfalls jüdische Vermieterin heldenhaft den Gestapo-Mann über ein Stunde mit Plaudereien auf.
Wie Marie Jalowicz danach das fast Unmögliche gelingt, bis zum Ende des Krieges im Untergrund zu überleben, erzählt sie erst über 50 Jahre und zwei Monate vor ihrem Tod, als sie schon im Krankenhaus liegt. Sie spricht in ungekannter Offenheit über ihre Erfahrungen, über ihre Verfolger, aber auch über andere Verfolgte, über Helfer, Verräter und immer wieder Männer, die ganz selbstverständlich auf Maries Dankbarkeit Anspruch erheben…

 

 Nationalsozialistischer Alltag und ernste Abenteuer

Unter der ständigen Gefahr, enttarnt zu werden, lernt Marie früh, jedes Gegenüber mit feinstem psychologischem Gespür zu taxieren. Und so sehen auch wir die Menschen, denen sie begegnet, in all ihren Widersprüchen, Ambivalenzen und bizarren Reaktionen.
Das Atemberaubende an dem Bericht dieser jungen Frau ist, dass sich manchmal eine Spannung einstellt, wie man sie sonst nur vom Hören eines Abenteuerromans kennt. So versucht sie beispielsweise durch eine Scheinheirat mit einem Chinesen zu entkommen oder mitten im Krieg über Bulgarien nach Palästina zu fliehen. Sie findet Unterschlupf im Artistenmilieu, bei Kleinkriminellen, bei einer gläubigen Nazisse und lebt mit einem holländischen Fremdarbeiter zusammen. Doch den Hörer begleitet immer das schreckliche Wissen: Diese »Abenteuer« sind kein Roman, diesen Abenteuern war ein Mädchen mit jedem seiner Schritte in einer feindlichen Öffentlichkeit ausgeliefert. Hinter jeder Schlafgelegenheit, hinter jeder freundlichen Geste kann auch die Gefahr lauern, entdeckt und ermordet zu werden.
So lässt einen das Hörbuch mitten in seiner Ereignisflut immer wieder erschrocken innehalten. Wie zum Bespiel, wenn Marie von ihrer kurzen Zeit als eine Art Hausfrau bei einem fanatischen Nazi erzählt, der sich ein Haar vom Schäferhund des Führers rahmen lassen hat. Auf gleichzeitig sehr komische und grauenerregende Weise beschreibt sie die Spätfolgen seiner Syphilis, die ihm einen schlenkernden Gang, den Namen »Gummidirektor« sowie eine groteske Artikulationsstörung eingebracht haben. Spätestens beim letzten Ausruf dieser Witzfigur bleibt dem Hörer jedoch vor Grauen das Lachen im Halse stecken: »Die Uden… die Uiden… die Jueden… muss man alle umbringen!«
Durch diese Nüchternheit, diese Tabulosigkeit, den mal sarkastisch, mal humorvollen Ton zeichnet sich der ganze Bericht von Marie Jalowicz aus und lässt uns dadurch so tief wie selten zuvor eintauchen in die Abgründe des Alltags mitten im Nationalsozialismus.

Gelesen wird das Hörbuch von der Schauspielerin und Regisseurin Nicolette Krebitz, die wie Marie Jalowicz Simon selbst ein Kind Berlins ist. Ergänzt wird die Hörbuchausgabe durch eine CD mit Auszügen aus den 77 Kassetten, die Marie Jalowiczs mündlichen Bericht umfassen. Das Buch wird herausgegeben von Hermann Simon und Irene Stratenwerth und ist, mit einem ausführlichen Nachwort versehen, beim S. Fischer Verlag erschienen.