Fünfzig Minipferdchen, ein unerbittlicher Schneesturm und eine pyramidale Wunderdroge sind nur drei der wunderlichen Ingredienzen, die Vladimir Sorokins Der Schneesturm zu einem großen literarischen Winterabenteuer machen. Im Interview teilt Sprecher Stefan Kaminski seine Leidenschaft für den russischen Schriftsteller mit uns.

Du hast bereits Der Tag des Opritschniks mit viel Herzblut vertont, nun kam auch die Idee für eine Hörbuchumsetzung von Der Schneesturm von dir. Was fasziniert dich so an Vladimir Sorokins Werken? 
Dieser Autor begleitet mich schon eine ganze Weile. Was mich an seinen Werken interessiert, begeistert, frappiert und bewegt ist zum einen seine Sprache – häufig macht man in seinen Geschichten auch Wanderungen durch verschiedene Stile: dreckige Gegenwartssprache, Märchen, Novelle, Verse, sozialistischer Realismus – all das mengt sich und treibt es auf die Spitze: nämlich das düster-groteske Szenario einer Zukunft, nicht weit von heute. Avantgarde, Realismus und Pathos fügen sich zu einem Sudelbecken menschlicher Fratzen – HighTec-Mittelalter nenne ich es gern. Das macht ungeheuer viel Spaß. Seine Romane und Kurzgeschichten sind Reisen ins Ungewisse, auch wenn sie, wie auch im Schneesturm, so vertraut beginnen… 

Warum erschien dir als Sprecher speziell Der Schneesturm als perfekter Hörbuchstoff?
Nun, ich hätte gern gleich den gesamten Sorokin-Katalog eingelesen. Das kann ja noch kommen, ich bin dabei! Aber Der Schneesturm ist, glaube ich, ein prima Start ins Sorokins Welt. Die Erzählung holt uns in vertrautem Terrain ab (Gogol und Tschechow), es gnurzelt und wintert recht lustig – und wie in einem schrägen Wachtraum bemerken wir Anzeichen von Zukunft mit all ihren Absonderlichkeiten. Es schnürt einem zunehmend die Kehle zu – das ist großartig!

Der Schneesturm beginnt wie eine Novelle aus dem 19. Jahrhundert und bewegt sich ganz bewusst im erzählerischen Kosmos der klassischen russischen Literatur. An welche Werke und Autoren hast du dich beim Lesen erinnert gefühlt?
Vor allem an die zwei bereits genannten: Gogol und Tschechow. Aber Sorokin ist eng verbunden mit der ganzen Literaturgeschichte seines Landes, er ist ein Teil davon. Er spielt auch gern mit den Mitteln altbekannter Autoren oder verflicht sie in die Handlung, direkt oder indirekt. Sorokin sagte mal sinngemäß, die russische Literatur sei eine seltsame Landschaft, mit der er eigentlich zufrieden sei – ihn aber interessieren die Sümpfe.

Ein kleiner Ohrenschmaus: wie melodisch und authentisch du die russischen Namen ausspricht! Hast du einen besonderen Bezug zu Russland oder zur russischen Literatur?
Ich bin in der DDR aufgewachsen und war auf der Russischschule. Da hatten wir von der 3. Klasse an Russisch. Normal war, von der 5. – aber so richtig interessiert habe ich mich für die russische Literatur erst mit der Schauspielschule. Bin viel in Antiquariate gerannt und habe mir Tschechow, Dostojewski, Gontscharow, Turgenjew, Tendrjakow, Wampilow und so geholt. Die Suche nach einem guten modernen Autor führte mich dann sofort zu Sorokin.

Der Autor lebt in Moskau, war zeitweise aber auch wie du in Berlin zu Hause. Hast du ihn je persönlich kennengelernt? 
Nein, noch nicht. Ich wäre sicher sehr aufgeregt – vielleicht wird es einmal dazu kommen. Er malt ja vor allem wieder sehr viel. Wenn in Berlin eine Ausstellung stattfindet, gehe ich hin – die Bilder hinter den Buchstaben sind garantiert nicht minder spannend.

 

Welche Sorokin-Vertonung würdest du gerne als nächstes in Angriff nehmen? Warum? 

Ich will unbedingt Telluria machen!! Norma und Der himmelblaue Speck gehören auch zu meinen Lieblingen. Den Zuckerkreml kenne ich noch nicht, werde ich aber in Kürze lesen. Jedes dieser Bücher ist magnetisch. Sie sind es wert, auch in interpretierter, akustischer Form den Menschen zugänglich gemacht zu werden. Es ist eine ungewöhnliche Literatur und definitiv kein Mainstream, aber in höchstem Maße wertvoll, eigenständig, zeitgemäß. Sorokin hat eine eigene Stimme. Er eckt an. Die Zukunft zwischen seinen Zeilen ist kalt und unsicher, doch teilweise erfüllt sie sich schon.

 

Sprecherfoto Artikelbild: Kaminski ON AIR (c) Stefan Kaminski