Elizabeth Gaskells Gesellschaftsroman Norden und Süden über die Pfarrerstochter Margaret Hale, die im fernen und rauen englischen Norden auf den Baumwollspinnereibesitzer John Thornton trifft, hat – auch dank zweier Verfilmungen – zahlreiche Anhänger. Eine der größten Liebhaberinnen des Werks ist Christina Neth. Im Interview erzählt sie (rechts im Bild, mit Lektorin Kathrin Ackermann) von ihrer Begeisterung für die viktorianische Autorin, ihrer Arbeit an der Übersetzung und ihrer Freude über die Interpretation von Sprecherin Gabriele Blum.

Wie kamen Sie zum ersten Mal mit Norden und Süden in Berührung?

Im März 2008 – ich war kurz zuvor von einer Reise nach England und Schottland zurückgekehrt – stieß ich durch Zufall auf den Trailer der BBC-Verfilmung von North and South aus dem Jahr 2004. Mich faszinierte daran besonders die Tatsache, dass ich auf dem Hügel Calton Hill in Edinburgh, über den Margaret Hale im Trailer geht, vor wenigen Tagen selbst gestanden hatte. Ich kaufte den Film und dann das Buch und war im Gaskell-Fieber.

Wie kamen Sie auf die Wahnsinnsidee, sich in Ihrer Freizeit an die Übersetzung zu wagen? Wie lange haben Sie dafür gebraucht?

Nachdem ich das Buch gelesen hatte, wunderte ich mich darüber, dass dieser in England so bekannte Klassiker nicht auf Deutsch erhältlich war. Als ich dann vor einigen Jahren keine Arbeit hatte und unbedingt eine sinnvolle Beschäftigung brauchte, wagte ich mich an die langwierige Aufgabe heran, die meinem Geist Nahrung gab und mir Erfolgserlebnisse verschaffte. Als ich wieder eine Vollzeitbeschäftigung hatte, war mir das Buch bereits so ans Herz gewachsen, dass ich die Übersetzung nach und nach in meiner Freizeit fertigstellen wollte. Die erste Seite habe ich Ende September 2011 übersetzt, die fertige Druckvorlage lieferte ich Anfang Juni 2014 an Books on Demand. Es waren fast 1000 Tage – eine lange Zeit.

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Was empfanden Sie beim Übersetzen als die größte Herausforderung?

Elizabeth Gaskell schrieb ganz im Stil ihrer Epoche und brachte dabei einige so kunstvoll gedrechselte Sätze hervor, dass man als Übersetzerin eine Art Hassliebe zu ihnen entwickelt. Dieselben langen Sätze stellen später das Können der Hörbuchsprecherin auf die Probe, die durch Betonung und Stimmmodulation die verschiedenen Satzebenen herausarbeiten muss. Frau Blum hat das glänzend gemeistert!

Die Romane von Elizabeth Gaskell sind in England ähnlich populär wie die von Jane Austen. Besonders die Liebesgeschichte der distinguierten Pfarrerstochter und des nüchternen Industriellen aus Norden und Süden erfreut sich großer Beliebtheit. Wie erklären Sie sich, dass die zweitjüngste deutsche Übersetzung aber von 1865 stammt?

Mir persönlich war und ist es schleierhaft. Da ich aber zunächst versucht hatte, meine Übersetzung in einem klassischen Verlag zu veröffentlichen, kenne ich die Bedenken der Verlagshäuser. Man fürchtete, nicht genügend Leser zu finden, weil der Name Gaskell in Mitteleuropa zu unbekannt war. Daher ließ man die Finger von der Übersetzung eines so langen und schwierigen Buches. Es war ein Teufelskreis: Gaskell war zu unbekannt, also wurden keine zusätzlichen Romane übersetzt – also blieb sie weiterhin unbekannt.

Hat das Hörbuch Ihren Blick auf Norden und Süden noch einmal verändert? Wenn ja, inwiefern?

Wenn sich ein Übersetzer an die Arbeit macht, versucht er zuerst, einen Überblick über das Werk zu bekommen; danach stürzt er sich ins Detail. Als ich das Hörbuch auf mich wirken ließ, bin ich sozusagen wieder aus dem Gewirr der Bäume herausgetreten und konnte mich am Gesamtbild des Waldes erfreuen. Ich hoffe, auch alle anderen Hörer erleben die Geschichte als facettenreiches harmonisches Ganzes.
 Besonders die Figur der Bessy wurde für mich durch Gabriele Blums hervorragende Interpretation plastisch und lebendig. Ich glaube, Elizabeth Gaskell hat sie sich genau so vorgestellt.