»Drei Fragen« – in dieser Rubrik wollen wir in Zukunft Autoren, Sprechern, Verlegern und anderen Menschen aus dem Hörbuchbereich drei Fragen zu ihren aktuellsten Produktionen oder zu ihrer Beziehung zum Medium Hörbuch stellen. Am 9.9. ist bei uns eine neue dreiteilige Reihe um die Rattenkinder Eliot und Isabella gestartet (ein Video zu den Aufnahmen finden Sie unten bzw. hier), das mit seinem Wortwitz und seinen liebenswert skurillen Figuren dem ganzen Verlag – einschließlich Nachwuchs! – sofort ans Herz gewachsen sind. Höchste Zeit, den Autor Ingo Siegner zu fragen, wie man als Erwachsener auf für Groß und Klein so amüsante Ideen kommt.

 

Lieber Ingo Siegner, Sie haben nicht nur den kleinen Drachen Kokosnuss erfunden, sondern auch andere tolle Kinderbuchfiguren. Wann kam Ihnen die Idee zu Eliot und Isabella?
Das war zu Beginn des Jahrhunderts in dem dunklen, alten Keller eines Hinterhauses, in dem ich damals wohnte. Ich wollte irgendein Gerät für mein Fahrrad holen und bemerkte ein Geräusch in einem der Kartons, die dort lagerten. Ich öffnete den Karton vorsichtig und blickte auf eine Ratte, die recht entspannt an meinen alten Schulheften nagte. Sie sah mich an und schlüpfte ohne große Aufregung durch eine verborgene Öffnung davon.
Uiui, dachte ich, die hat ja die Ruhe weg!
Oben in der Wohnung zog ich ein Tierbuch aus dem Regal und las das Kapitel über Ratten. Ich erfuhr, wie klug und gewandt sie sind, dass sie sich fast überall durchkämpfen und sie sozusagen unter uns Menschen leben, nämlich parallel, gleichsam unsichtbar, in der Kanalisation, in Kellern, in Parks usw. Manchmal, nachts, kann man sie in der Stadt im Licht der Straßenlaternen in der Nähe von Mülleimern beobachten, wie sie sich ihre Nahrung organisieren.

 

Eliot und Isabella

Die Fabel von der Stadtmaus und der Landmaus ist vielen bekannt. Warum haben Sie sich für Ihre Geschichten stattdessen Ratten ausgesucht?
Diese Fabel kenne ich nicht, jedenfalls nicht bewusst. Zu der Zeit, als ich mir Gedanken für ein erstes Rattenkinder-Abenteuer machte, gab es in Deutschland eine große Flutkatastrophe. So kam mir die Idee von dem Rattenjungen Eliot, der in der Stadt wohnt und von der Flut hinaus aufs Land gespült wird. Eliot, eine waschechte Stadtratte, fürchtet sich vor den unbekannten Gefahren, die er auf dem Land wähnt. Doch dann trifft er auf das Rattenmädchen Isabella, eine waschechte Landratte. Isabella kennt sich natürlich aus und hilft Eliot auf dem Weg zurück in die Stadt. Mich reizt dabei, dass hier das Landmädchen dem Stadtjungen überlegen ist und ihn gelegentlich auf den Arm nimmt. Und dass es zwischen den beiden ein wenig knistert. Jedenfalls Eliot hat sich in Isabella verguckt.

 

Eliot ist nicht nur ein kluger und witziger Rattenjunge, sondern er schreibt auch für sein Leben gern Gedichte. Haben Sie ein Lieblingsgedicht?
Ja, im ersten Band finde ich besonders schön:
»Der Reimer reimt in einem fort, dem Dichter aber wächst das Wort, wie eine Blume, die erblüht, wie ein leichtes Sommerlied.«

 

Im zweiten Band trage ich vor Kindern oft das letzte Gedicht vor. Es ist immer ein Riesenspaß:

»Es war einmal ein Funkelstein,
der fiel auf Bocky Bockwurst rein.
Bocky, dieser fiese Schurke,
diese üble Stinkegurke,
steckte nämlich nun den Stein
in ein Sahnestück hinein.
Dunkel war’s, die Sahne klebte,
der Funkelstein vor Zorn erbebte (…)«

 

Und im neuesten Band gefällt mir besonders:

»Wenn Wellen leis am Strande rauschen,
und Sand die rieselt in den Schuh,
wenn Wolken sich am Himmel bauschen,
dann bist auf einer Insel du!
Und steht davor ein Turm im Meer
(in den einst ein Gespenstlein zog),
und herrscht dort reger Ratzverkehr,
dann heißt die Insel Ratzekoog!«