Chris Pichler, in Wien geboren und an vielen deutschen Theatern zu Hause, spricht in Die Frau im Spiegel eine von drei starken Frauen, die den Erwartungen ihrer Zeit auf überraschende Weise trotzen. Im Gegensatz zu den anderen Sprecherinnen des Hörbuchs Luise Helm und Fritzi Haberlandt ist sie zum ersten (und hoffentlich nicht letzten!) Mal bei Argon zu hören. In einem kleinen Interview stellt sie sich und ihre Arbeit vor.

1. Sie sind den Hörern vor allen Dingen als Hörspielsprecherin aus dem Rundfunk bekannt, im Jahr 2009 wählte Sie die ORF-Hörspieljury zur Schauspielerin des Jahres. Welche HörBUCHerfahrung hatten Sie vor Die Frau im Spiegel? Worin lag für Sie die Herausforderung bei dieser Produktion?

Ich habe bereits bei zahlreichen deutschen Sendern Hörspiele gemacht (Madame Bovary, Rot und Schwarz, Die Jagd nach dem Schnatz, Steppenwolf…) und auch spezielle Texte, z.B. Nietzsche Dithyramben mit Peter Matic und Romy Schneider – Zwei Gesichter einer Frau oder Portraits wie Jane Goodal eingelesen. Die besondere Herausforderung an der Arbeit an Die Frau im Spiegel war für mich, den Unterscheid hörbar zu machen zwischen dem »neutralen« Erzählen und dem Hineinschlüpfen in die Dialoge und Rollen. Also eine Erzählerstimme zu finden, um dem Strang der Geschichte nachzugehen und Stimmen, die sich mit den Figuren, insbesondere dem Mädchen Anne identifizieren. Der Regisseur Harald Krewer ist ein sehr genauer und sensibler Zuhörer, der mich in seiner feinfühligen Art durch den Text geleitet hat, indem er genau zuhörte und für mich leicht umsetzbare Anregungen einstreute oder zu speziellen Interpretationen anregte.

2. Sie verkörpern in Ihren selbst geschriebenen Bühnen-Programmen außergewöhnliche Frauen wie Marylin Monroe und Romy Schneider. Was finden Sie an den Frauen (und/oder ihren Stimmen) aus dem Hörbuch »stark«?

Stark bedeutet für mich: zuzugeben, wie es einem geht, wie man sich in dem Kontext, in dem man sein Leben eingerichtet hat, fühlt und Mut hat, es zu hinterfragen oder gar zu ändern. Romy Schneider, Jackie Kennedy, Marilyn Monroe sind für mich starke Frauen, die konsequent versucht haben, ihre Visionen, ihre ganz speziellen Wünsche an den Beruf und auch ans Leben, in die Tat umzusetzen, mit dem Risiko zu scheitern, oder sagen wir mit der Bereitschaft, den Preis dafür zu bezahlen. Hörbücher dieser Art zu machen, bedeutet für mich, den Innenwelten dieser Frauen ein hörbares Gesicht zu verleihen, Einsicht in Gedanken und Lebensumstände dieser Menschen nachvollziehbar miterleben zu lassen.

3.  Sie sprechen Anne, ein begabtes Brügger Mädchen aus dem Spätmittelalter, das zur spirituellen Gemeinschaft der Beguinen findet. Wie würden Sie Anne und ihre Rolle beschreiben?

Was mich an Anne so angerührt hat, ist ihre Klarheit und Gedankenschärfe, ihre menschlich-ethische Standhaftigkeit. Sie erscheint mir, als ein Mädchen, das eine innere Integrität entwickelt hat bis zur Zivilcourage und diese Bahn nicht verlässt, selbst als sie damit ihre Existenz gefährdete. In gewisser Hinsicht bleibt sie dadurch unabhängig von den Parametern, die die Gesellschaft ihr überzustülpen versucht. 

4. Als kleine Zusatzfrage: Wenn Sie eines Tages mal ein Hörbuch oder Stück zu einem Mann machen müssten, wen würden Sie sich aussuchen und warum?

Diese gedenken gehen mir öfter durch den Kopf, weil man als SchauspielerIn ja gerne in andere Denk- und Fühlmuster schlüpft. Ich würde gerne Charly Chaplin meine Stimme leihen. Er verkörpert für mich Klugheit – gepaart mit großer Leichtigkeit und spielerischem Können. Seine Arbeiten zeigen seine philosophische Sicht auf die Welt. Aber die hat er niemals belehrend, sondern eher melancholisch-belustigend in das Medium Film übersetzt.