»Nee Heini, nee. Hier gibs keine Räuber. Wir sinn ja nich in Hamburg.«
Spätestens nach diesen Zeilen des alten Seebären Kurt Jasmund, gesprochen von Devid Striesow, dürften selbst militante Bajuwaren vom Ostsee-Krimi Zapotek und die strafende Hand bezaubert sein. Wie sie zu den eigensinnigen Figuren und dem feinen humorvollen Ton ihres Buches fand, erzählt  uns Autorin Claudia Rusch im Kurzinterview.

1. Zapotek und die strafende Hand spielt an der Ostsee, einer kriminalistisch unterversorgten Region Deutschlands. Was macht die Menschen, Polizisten und Verbrecher dort aus?
Dass sie norddeutsch sprechen und viel Fisch essen… Ansonsten: eher nichts. Unterscheidungen in regionale Stereotypen sind in meine Augen nur wohlfeile Folklore. Bei genauem Hinsehen ähneln sich die Menschen doch überall sehr. Egal, ob sie in Bayern oder Vorpommern leben: sie haben Wünsche, Hoffnungen und Fehler. Ich hab versucht, die Figuren in meinem Roman als Menschen authentisch sein zu lassen, nicht als Bewohner einer Region.

2. Trotzdem ist Zapotek und die strafende Hand doch sehr deutlich im Norden verankert.
Ja, natürlich. Die südliche Ostseeküste ist mir mit Landschaft und Leuten außerordentlich vertraut, weil ich selbst von dort stamme. Die Menschen da oben sprechen, wortwörtlich, eine Sprache, die ich verstehe. Aber ich würde Zapotek deshalb nicht als Regionalkrimi bezeichen. Irgendwo musste die Handlung ja stattfinden. Es erschien mir nur logisch, eine Gegend zu wählen, an der mein eigenes Herz hängt und die ich sehr gut kenne. Also hab ich mich für Stralsund und Umgebung entschieden. Henning Zapotek und ich sind sogar im selben Krankenhaus geboren. Zapoteks gestörte Beziehung zu seiner Heimat ist einer der Nebenstränge des Romans. Genau wie die Liebesgeschichte. Eigentlich gehen die sogar Hand in Hand. Er sucht in beidem in gewisser Weise den Teil seines Ichs, den er zurücklassen musste als er wegging. Dass er durch den Gang der Ereignisse nun ebenso unerwartet wie unfreiwillig mit Menschen und Situationen konfrontiert wird, die er sonst meiden würde, erleichtert ihm das wahrscheinlich sogar ein wenig. Aber das würde er natürlich nie zugeben. Und wir wollen ja auch nicht zu viel verraten.

3. Zapotek ist ein Kriminalroman mit feinem Humor und sehr eigenwilligen Figuren, die einem sofort ans Herz wachsen. Woher nehmen Sie die bloß?
Das frag ich mich manchmal auch… Die Figuren sind einfach zu mir gekommen. Am Anfang gab es nur den unfreiwillig in die Heimat zurückgekehrten Kommissar und seinen alten Nachbarn Kurt Jasmund (übrigens meine Lieblingsfigur). Die anderen haben sich dann nach und nach dazugesellt. Vor allem Gitti tauchte eines Tages sprichwörtlich aus dem Nichts auf und hat sich ihren Weg durch die Geschichte gebahnt. Das war selbst für mich ein wenig überraschend. Außerdem mag ich alle meine Figuren, sogar solche Knurrhähne wie Hermann Klöver. Ich versuche sie ernst zu nehmen und mit Respekt zu behandeln. In der Anlage teilt jede von ihnen etwas mit mir selbst oder mit Menschen, die ich gut kenne, aber im Laufe der Handlung sind sie vollkommen eigene, unabhängige Personen geworden. Es fiel mir richtiggehend schwer, am Ende des Buches von ihnen Abschied zu nehmen. Aber wir sind guter Dinge auseinander gegangen – wir treffen uns ja alle im nächsten Band wieder. Naja, abgesehen von denen natürlich, die im Laufe dieses Falles leider auf der Strecke bleiben müssen …

4. Sie hören selbst Hörbücher – lieber Krimi oder lieber lustig? Welche waren Ihre letzten tollen Hörbucherfahrungen?
Ich höre nicht einfach Hörbücher, ich habe tatsächlich Tendenzen zum Hörbuchjunkie. Meine Auswahl treffe ich bei mir unbekannten Hörbüchern übrigens signifikant häufiger nach Sprechern als nach Titeln. Grad bei renommierten Theaterschauspielern kann man sich normalerweise darauf verlassen, dass die vorgelesenen Texte wirklich gut sind. Ich hab also eher Lieblingssprecher als Lieblingshörbücher. Lesen kann ich ja selbst, mich fasziniert an Hörbüchern, wie die Stimme eines Dritten mich durch ein Buch führt. Ich mag Klassiker, Krimis, Geschichten in Mundart, alles was intelligenten Humor besitzt und Harry Potter! Wenn ich einen schlechten Tag hab, lass ich mir von Eva Mattes Jane Austen vorlesen oder von Manfred Zapatka zum hundertstenmal Tucholsky. Da vergeht jeder Unmut, das wirkt bei mir sofort.

5. Hat Ihnen Devid Striesows Interpretation Ihres Krimis gefallen?
Ja, absolut. Zumal ich den Verdacht habe, dass auch er Kurt Jasmund eine besondere Zuneigung entgegenbringt… Aber ich hatte ohnehin keinen Zweifel daran, dass Striesow eine gute Wahl für Zapotek und die strafende Hand ist. Erstens halte ich ihn für einen wirklich großartigen Schauspieler und zweitens ist er wie ich eine Vorpommeranze. Wir kommen sogar von derselben Insel. Striesow ist ja gebürtiger Rüganer. Da konnte quasi gar nichts schief gehen.

 

Foto Rusch: (c) Katja Scholtz, mareverlag