Liebe Frau Mannschatz, Sie sind eine erfahrene Meditationslehrerin und bekannt als Autorin von einem der deutschlandweit erfolgreichsten Ratgeber zum Thema achtsame Lebensführung, Buddhas Anleitung zum Glücklichsein. Wie und wann sind Sie zum ersten Mal mit den Themen Achtsamkeit und Buddhismus in Berührung gekommen?

In den siebziger Jahren habe ich mit regelmäßiger Achtsamkeitsmeditation begonnen. Meinen ersten Meditationskurs habe ich in den USA besucht: ich habe es gewagt, gleich zum Einstieg 5 Wochen ins Schweigen zu gehen. Jack Kornfield hat damals zusammen mit Joseph Goldstein unterrichtet – bessere Lehrer hätte ich mir nicht wünschen können.

Hörbuchcover2. In Ihrer neuen Hörbuchproduktion Jeder Tag ein Schritt zu Dir führen Sie durch fünf Meditationen, in denen es um die Stärkung der Selbstliebe geht. Was fasziniert Sie an diesem Thema?

Alle Menschen sehnen sich danach, geliebt zu werden. Doch all die Liebe, die wir empfangen, kommt nicht wirklich bei uns an, wenn wir uns nicht auch selbst so annehmen können wie wir sind. Mir scheint, das Leben ist ein Prozess, in dem wir lernen müssen, uns selbst so zu sehen und zu verstehen, wie wir wirklich sind – ohne Illusionen, mit allen Schattenseiten – und uns dann auch so zu akzeptieren und zu lieben.

3. Täte uns modernen Menschen etwas mehr Selbstliebe gut? Wie gelingt uns, Selbstliebe zu praktizieren?

Häufig ist es so, dass wir beim Thema Liebe nur an den Ausdruck von Zuneigung in Beziehung zu anderen denken. Wenn wir Liebe zu uns selbst in den Mittelpunkt rücken, fürchten wir, dadurch andere auszuschließen. Viele verwechseln Selbstliebe mit Egozentrismus. Doch wer krankhaft auf sich selbst zentriert ist, der erlebt keinen inneren Überfluss an Zuneigung sondern eher permanenten Mangel. Egozentriker lieben sich selbst nicht. Sie haben keine Großzügigkeit im Umgang mit sich und anderen.

4. Was können wir aus dem Buddhismus über Selbstliebe lernen?

Buddha sagte: »Wer sich selbst liebt, tut keinem anderen Böses an.« Eine vertrauensvolle innere Haltung ist Voraussetzung für geistiges Wachstum und das Heranreifen freier Bewusstseinszustände. Da die meisten von uns Mangel an Selbstvertrauen und Selbst-Akzeptanz haben, beginnt die buddhistische Herz-Meditation zuerst mit der Stärkung des Selbstwertgefühls. Wie lernen wir, uns als liebenswürdig – der Liebe würdig – zu sehen? Wir können uns ja nicht zur Liebe zwingen. Wir können nur ehrlich und genau hinspüren und schauen, was möglich ist. 

Indem wir uns Zeit und Raum nehmen, spüren und verstehen, was Körper und Herzgeist brauchen.

Indem wir ehrlich mit uns selbst sind und uns nicht vorgaukeln etwas zu sein, was wir nicht sind.

Indem wir uns nicht ständig vergleichen und verurteilen und uns nicht unter Druck setzen mit Erwartungen.

Indem wir wagen, immer einfacher zu leben und uns auf das reine Empfinden in der Gegenwart einlassen. Wir können spazieren gehen, Musik hören, Tagebuch schreiben, meditieren oder einfach nur in den blauen Himmel schauen. Die Beziehung zu unserem Herzen möchte aktiv gepflegt werden, nicht nur hier in der Meditation, sondern ganz besonders im Alltag. Mit Metta-Meditation initiieren wir keine unkritische Liebesaffäre mit uns selbst, keine oberflächliche Schwärmerei, keine Schönfärbung, kein Gut-Reden im Sinne von Suggestion oder positiven Affirmationen. Die Metta-Praxis will einen Raum für ein erfülltes Leben definieren, sie will Ausrichtung geben, uns helfen, eine Wahl zu treffen im Alltag, im gewohnheitsmäßigen Handeln. Metta provoziert die Frage: Trägt mein Verhalten wirklich dazu bei, dass ich glücklich werden kann? Wir erweitern mit dieser Praxis unsere Selbstwahrnehmung und hören auf den Klang der drohenden inneren Stimmen, auf das schwierige Echo, das der Wunsch in uns hat.

 

Mehr Informationen zur Autorin, ihren Büchern und Veranstaltungen gibt es auf ihrer eigenen Webseite:
www. mariemannschatz.de