Als die neue Regierung anordnet, dass Frauen ab sofort nicht mehr als einhundert Wörter am Tag sprechen dürfen, wollen viele diese wahnwitzige Nachricht nicht wahrhaben – das kann nicht passieren. Nicht im 21. Jahrhundert. Nicht in Amerika … Autorin Christina Dalcher überzeugt mit ihrer erschreckend realistischen Vision eines totalitären Staates. Vox erscheint heute, gelesen von Andrea Sawatzki.

Das literarische Online-Magazin hundertvierzehn von S. Fischer hat die Autorin zu ihrem Debüt interviewt. Lest hier einige Ausschnitte und das ganze Gespräch auf www.hundertvierzehn.de.

Was veranlasste Sie »Vox«  zu schreiben?
»Vox« begann als Flash Fiction von etwa 700 Wörtern für einen Wettbewerb mit einem Endzeitthema. Ich stellte mir eine Welt vor, in der sich ein biologischer Kampfstoff rasant verbreiten und eine bestimmte Art von Sprachverlust herbeiführen würde, ein erschreckendes Szenario. Ich gab ihr den Titel »Wernicke 27X«.
Als ich dann von einem Anthologieprojekt hörte, in dem ausschließlich Autorinnen über weibliche Hauptfiguren schrieben, erinnerte ich mich wieder an diese Geschichte. Und ich fragte mich, wie ich den Schrecken noch erhöhen, die Idee des Sprachverlusts noch erweitern könnte. Ich beobachtete lange das aktuelle politische Klima, und fand dort die Antwort: Indem nur die Hälfte der Bevölkerung betroffen wäre. So wurde »Vox« geboren.

Was sollte der Leser aus der Lektüre von »Vox« Ihrem Wunsch nach mitnehmen?
Viele Leser werden »Vox« vermutlich als feministischen Roman lesen, in vielerlei Hinsicht ist er das auch. Aber ich hoffe, die Menschen lesen darin auch eine Geschichte von Unterdrückung, vom auftretenden Horror, wenn eine Interessengruppe, egal welche, mit einer bestimmten Agenda so mächtig wird, dass sie nicht mehr aufzuhalten ist. Obwohl ich »Vox« als Warnung geschrieben habe, wollte ich auch zeigen, wie sehr unsere Menschlichkeit von unserer Sprache abhängt. Im Buch erreichen wir nie den Punkt, in der das Sprachvermögen komplett ausgelöscht wird, aber die Gefahr zeichnet sich ab. Wie würde unsere Welt aussehen, wenn wir (oder manche von uns) das Vermögen zu kommunizieren, zu denken, uns selbst auszudrücken, verlieren würden?
Ich würde mir wünschen, dass die Leser zwei Gedanken mitnehmen: 1) Wie schnell kann sich die Welt verändern, wenn wir nicht aufpassen. Und 2) Wie essentiell ist das Geschenk der Sprache, dieses erstaunlich komplexe Vermögen, das wir so oft als selbstverständlich betrachten, für unsere Existenz.

Quelle: https://www.hundertvierzehn.de/artikel/wir-sind-mehr-als-100-w%C3%B6rter_2527.html