nachgefragt bei Eva Kranenburg, der Autorin von »Freunde«
Eva Kranenburg hat ein besonderes Jugendbuch geschrieben: »Freunde« ist ein bewegender Antikriegsroman über Freundschaft und Menschlichkeit. Das Hörbuch liest Fabian Busch. Wir haben der Autorin ein paar Fragen zur Entstehungsgeschichte des Romans gestellt.
Liebe Eva, für »Freunde« hast du den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis 2025 erhalten. Herzlichen Glückwunsch! Der Text wurde von der Jury als »verfilmungsreife Antikriegsgeschichte« bezeichnet. Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Roman zum Thema Krieg gerade für das junge Publikum zu schreiben?
Es lag daran, dass Putin die Ukraine überfallen hat und ich am selben Tag mit Corona erkrankte. Damals isolierte man sich noch und so lag ich eine Woche alleine im Wohnzimmer und konnte mich dem Schrecken des Krieges in der Ukraine widmen. Eine Woche lang nur Fieber, Krieg und Putin! Es war fürchterlich. Es ist so, dass ich jeden Tag schreibe, auch Weihnachten, auch wenn ich krank bin, immer. Eigentlich hatte ich zu der Zeit irgendein Drehbuch in Arbeit, aber ich konnte mich darauf nicht konzentrieren und schrieb stattdessen eine erste Szene von vier Freunden, die nach einem großen Krieg auf einem Friedhof hausen und einem Fünften, der bei ihnen mitmachen möchte und an Putin erinnert. Und ich wusste überhaupt nicht, was das Ganze sollte und was es für eine Geschichte sein könnte. Ich hatte das Gefühl, es könne ein Roman für Jugendliche werden. Dennoch war ich sehr lange Zeit (ungefähr bis zur Seite 120) nicht in der Lage zu sagen, worum es eigentlich in dem Roman ging. Das hat sich zum Glück irgendwann herauskristallisiert.
Die Geschichte in »Freunde« spielt in einer namenlosen Stadt. Wusstest du von Anfang an, dass du das Kriegsgeschehen an keinem konkreten Ort verankern willst?
Das wusste ich zunächst überhaupt nicht. Die Frage hat mir ziemlich Kopfzerbrechen bereitet. Ich hatte überlegt, ob es im Deutschland der Nachkriegszeit spielen könnte. Oder in einer fernen Zukunft, in der Kriege um Ressourcen geführt werden. Ich hatte auch die Idee, es könne um eine künstliche Gehirnmasse gehen, die jemand erfunden hat, und um die sich der Krieg dreht. Kurz, ich habe alle möglichen und unmöglichen Ideen durchgespielt und bin dann dabei gelandet, dass es am besten ist, ein fiktives Land, das verschiedenste aktuelle und vergangene Konflikte widerspiegeln kann, zu wählen. Ein Land, das jedes Land und zugleich keines ist.
Sprache spielt in deinem Roman eine große Rolle – vom »Gezische« der Anderen bis hin zum Englischunterricht. Was wolltest du über die Macht der Kommunikation in Konfliktsituationen aussagen?
Ich fürchte, ich bin nicht besonders gut darin, meine eigenen Aussagen zu interpretieren. Das fiel mir schon auf der Lesung in Oldenburg auf, als ein Jurymitglied eine großartige Interpretation einer Metapher lieferte, von der ich gar nicht wusste, dass es eine war. Es ging – kurzgefasst – um den kleinen Tuk, der sieben Pullover übereinander trägt. Darunter verborgen sind die körperlichen Wunden, die Tuk durch den Krieg davongetragen hat. Das sei eine Metapher für die Kinder, die sich in Kriegszeiten schützen und panzern und ihre seelischen Verwundungen verbergen und an die man nur nach allerlei Aufdeckungsarbeit gelangt. Das hat mich sehr beeindruckt. Für mich ging es beim Schreiben eher darum, dass mir das Bild, wie Tuk behauptet, dass man ihn nicht ausziehen kann, und wie seine Freunde ihm dabei helfen, intuitiv gefiel.
Zur Sprache kann ich sagen, dass ich damit ausdrücken wollte, wie ähnlich sich oft Völker sind, die miteinander im Krieg liegen. Dass es letztendlich keine großen Unterschiede zwischen ihnen gibt und dennoch betrachten sie einander als Feinde. Die Sprache beider Völker im Buch ist einander so ähnlich, dass beide einander verstehen können, nur die einen nutzen viele Zischlaute in ihrer Sprache und die anderen nicht.
Das hat auch mit der Erfahrung zu tun, die ich mit der polnischen Sprache gemacht habe. Wenn man Polnisch spricht und Tschechisch hört, klingt es, als spreche ein Kind, das die Zischlaute nicht artikulieren kann. Ähnlich ist es mit der Sprache der „Anderen“, die in den Ohren der Hauptfigur klingt, als habe jemand einen Sprachfehler.
Deiner Geschichte hat Fabian Busch seine Stimme verliehen. Was ist das für eine Erfahrung, den eigenen Text auditiv wahrzunehmen?
Wenn ich das Hörbuch höre, nehme ich nicht den Sprecher, nicht Fabian Busch als Person wahr, weil er sich nicht in den Vordergrund stellt, sondern den Text und die Emotionen darin. Gerade weil er so fein und unaufdringlich spricht, tritt der Text umso stärker hervor. Es ist so, als würde ich mir selbst, dem, was ich ausdrücken wollte, dem, was ich gefühlt hab, dem, was ich erlebt hab, im Spiegel begegnen. Ganz ehrlich, es ist eine leichte Verlegenheit, die ich spüre. Ich fühle mich erkannt.
Vielen Dank für das Gespräch, liebe Eva!
- Verlag: Argon Digital
- Erscheinungstermin: 11.03.2026
- ISBN: 978-3-7324-8490-4
- Sprecher:innen: Fabian Busch