nachgefragt bei Madita Oeming, der Autorin von »Aufgeklärt statt aufgeregt«
Liebe Madita, in »Aufgeklärt statt aufgeregt« befasst du dich unter anderem mit Sexting, Cybergrooming und Pornos im Klassenchat – also mit Themen, die bei vielen Eltern schambehaftet sind. Du gibst Tipps, wie man so ein schwieriges Gespräch anfangen kann und schlägst »Mini-Talks« statt eines großen Aufklärungsgesprächs vor. Wie reagiert man am besten, wenn das Kind diese Versuche ablehnt und keine Offenheit für ein Gespräch zeigt?
Ein erzwungenes Gespräch ist selten zielführend. Aber selbst wenn in dem Moment kein Gespräch zustande kommt, ist es trotzdem immer wertvoll, Ansprechbarkeit zu signalisieren. Vielleicht ist die Tür dann einen Spalt weit offen und das Kind geht bei nächster Gelegenheit hindurch. Dafür wäre es wichtig, nicht genervt oder beleidigt aus einer vermeintlich gescheiterten Situation zu gehen, sondern eher mit einem Angebot wie »Wenn du doch mal eine Frage hast, bin ich da«. Eine Möglichkeit ist es zudem immer, alternative Anlaufstellen zur Verfügung zu stellen: ein Buch, ein Instagram-Kanal, eine andere Ansprechperson. »Ich verstehe, dass du nicht mit mir darüber reden magst, aber ich möchte, dass du das Wissen bekommst, was du brauchst«. So kann man auch nochmal kommunizieren, dass die Grenze akzeptiert wird, und gleichzeitig Verantwortung übernommen werden.
Du bist skeptisch gegenüber reinen Verboten. Gibt es dennoch eine »rote Linie« oder ein Alter, unter dem du technische Filterlösungen für unverzichtbar hältst, um Kinder vor den extremen Schock-Inhalten des Netzes zu schützen?
Grundsätzlich sind generelle Altersgrenzen schwierig, weil es immer auf die individuelle Entwicklung eines Kindes und dessen Umfeld ankommt. Die Schwelle zur weiterführenden Schule wäre für mich tendenziell eine, die wir möglichst nicht weiter unterschreiten sollte. Also eine smartphone-freie Grundschulzeit anstreben. An altersgerechte Sicherheitsvorkehrungen und sorgsame Medienbegleitung glaube ich aber in jedem Falle mehr als an Verbote. Technische Lösungen sind gerade bei den Jüngeren natürlich sinnvoll. Vor dem Einsetzen der Pubertät und dem Wachsen der einer eigenen sexuellen Neugierde können sie zum Beispiel schon davor schützen, online versehentlich auf sexuell explizite Inhalte zu stoßen. Sobald Jugendliche aktiv nach Pornos suchen, halte ich es für unmöglich, sie davon abzuhalten. Und gerade was die »Schock-Inhalte« anbelangt: die kommen vor allem von Gleichaltrigen. Davor würde nur eine vollkommene digitale Kontaktsperre schützen und das halte ich für zu drastisch.
Die Technologie für Deepnudes entwickelt sich rasant. Hältst du es für realistisch, dass Kinder allein durch Medienkompetenz geschützt werden können, wenn die Fälschungen von echten Bildern kaum noch zu unterscheiden sind?
Nein. Bei diesem Themenberiech geht es um ganz andere, vor allem soziale Kompetenzen. Wie Empathie mit Betroffenen und ein respektvolles Miteinander. Ob ein sexualisierter Inhalt KI-manipuliert ist oder nicht, ist nebensächlich, wenn er als Mobbing-Instrument eingesetzt wird. Und das ist bei Deepnudes unter Jugendlichen der Fall. Medienkompetenz kann nur insofern schützen, als dass sie sich diesem Risiko bewusst sind und vorsichtig mit ihren Bildern umgehen. Aber zu verlangen, dass sie sich völlig bilderlos online bewegen, ist auch unrealistisch. Wir brauchen eine digitale Ethik. Und auch strengere Gesetzgebungen um nicht einvernehmlich sexualisierende KI-Inhalte.
Vielen Dank, liebe Madita!