nachgefragt bei Ruth-Maria Thomas und Lili Zahavi zu »Die zweitgrößte Liebe«
Am 30.07.2026 erscheint das neue Hörbuch von Ruth-Maria Thomas, »Die zweitgrößte Liebe«, gesprochen von Lili Zahavi. Wie wurden die Figuren entwickelt und wie war es, ihnen Stimmfarbe und Tiefe zu verleihen? Autorin und Sprecherin verraten es im Kurzinterview.
Liebe Ruth, »Die zweitgrößte Liebe« ist dein zweiter Roman, in dem es um Michelle und Henry geht, die im Leben eine komplett andere Startsituation hatten. Wie bist du auf die Figuren gekommen?
Ruth-Maria Thomas: Michelle war eine Nebenfigur aus meinem ersten Roman, die mich nicht losgelassen hat. Ich wollte wissen, wie ihr Leben weitergeht – im neuen Buch habe ich sie zehn Jahre später wiedergetroffen. Meine Lektorin hat mich ermutigt, über sie zu schreiben. Am Anfang stand der letzte Satz aus Ottessa Moshfeghs Roman »Mein Jahr der Ruhe und Entspannung«:
Da ist sie, eine Frau, die ins Unbekannte taucht, und sie ist hellwach.
Da habe ich Michelle gesehen: wie sie vor einem Hotel steht, in einer fremden Stadt, und dort jemanden trifft – Henry. Von dem sie nicht weiß, ob er Gast ist oder Mitarbeiter. Und damit war Henry geboren.
In deinem Roman wechselst du zwischen Michelles zynisch-verletzlicher Perspektive und Henrys bürgerlich-naiver Innensicht. Wie bist du beim Schreiben vorgegangen?
Ich habe nach Gefühl geschrieben. Der Text war am Anfang ein Fluss, ohne Absätze, ich habe die Perspektive gewechselt, wann immer sie kippte. Wenn ich Michelles Stimme im Ohr hatte, habe ich aus ihrer Sicht geschrieben; manchmal hat sich Henry dazwischengemeldet, dann war er dran. So ist beim Schreiben ein Sog entstanden, der mich selbst in den Bann gezogen hat. Das Trennen der Perspektiven, das Ordnen, kam erst später.
In Henrys Familie weinen die Männer viel und zeigen Schamlosigkeit in ihrer Verletzlichkeit, während Michelle Tränen oft unterdrückt oder als Wut kanalisiert. Wie hast du diese Umkehrung klassischer Rollenbilder entwickelt?
Das war gar nicht so bewusst geplant. Die Figurenanlagen hatten es in sich: Henry kann es sich leisten, Gefühle zuzulassen. Er hat Zeit und Geld, um Wunden zu reparieren. Er kann zusammenbrechen, weinen, wieder aufstehen und weitermachen – er hat einfache Zugänge zu Therapie, Kapazitäten und Ressourcen um seine Gefühle zu fühlen, zu benennen und auszuleben. Wenn Michelle zusammengebrochen wäre, wäre sie vielleicht nicht wieder aufgestanden. Und das hätte sie sich nicht leisten können. Sie muss alles im Griff haben, damit ihr das Leben nicht entgleitet.
Was denkst du, wer soll sich dein Hörbuch unbedingt anhören?
Menschen, die über die Liebe lesen wollen, über die Gesellschaft, und darüber, wie beides vielleicht zusammen hängt. Michelle und Henry lieben sich und trotzdem entscheidet die Frage, wer erbt und wer nicht, darüber, wie diese Liebe aussieht. Sie entscheidet was »ich liebe dich« für Henry bedeutet, und was für Michelle.
Was für ein Gefühl ist es, den eigenen Text als Hörbuch zu hören?
Wunderschön. Lili Zahavi hat den beiden Figuren Leben eingehaucht. Ich hatte Gänsehaut und musste mich manchmal daran erinnern, dass ich dieses Buch selbst geschrieben habe und eigentlich kenne – weil sie mit ihrer Interpretation zwei Charaktere erschaffen hat, die ich neu kennenlernen durfte. Ich verneige mich vor ihrer Kunst, den Figuren mit Zärtlichkeit zu begegnen und sie in allen Facetten und Grautönen ins Leben zu lesen.
Danke, liebe Ruth!
Liebe Lili, Du hast bereits Jella aus »Die schönste Version« deine Stimme geliehen. In »Die zweitgrößte Liebe« sprichst du keine reine Ich-Erzählung, sondern bewegst dich in der dritten Person durch die Welten von Michelle und Henry. Wie war es für dich, dich stimmlich auf diese neue Perspektive einzulassen?
Ich hatte schon bei »Die schönste Version« eine große Anziehung zu Jellas Freundin Shelly. Als dann irgendwann klar war, dass sie die Protagonistin von Ruths nächstem Roman sein würde, hatte ich nur ein großes »Yessss« in meinem Körper. Und als schließlich die Anfrage kam, das Hörbuch auch zu sprechen, fühlte ich mich unglaublich geehrt und auch ganz schön nervös. Ich wollte dieser Verantwortung gerecht werden. Shelly hatte in mir schon lange einen besonderen Platz.
Das Hörbuch wechselt stilistisch stark – von Henrys eher intellektuellem Ton zu Michelles Umgangssprache. Wie hast du diese feinen Milieu-Unterschiede stimmlich erarbeitet, ohne in Klischees zu verfallen?
Ich habe das ehrlich gesagt von Anfang an gar nicht so betrachtet. Für die Figuren ist ihre Biografie ja genauso wie für uns, immer ein Jetzt, das ins nächste Jetzt führt. Mit Hoffnung, Angst, Entscheidungen. Mich ihnen hinzugeben heißt, genau diese Jetzt-Momente mitzugehen. Wenn Henry und Shelly im kommenden Roman bei Markus Lanz 2040 sitzen und ihre Lebenswege reflektieren, müsste ich vielleicht nochmal anders darüber nachdenken. Wobei ich nicht weiß, ob Ruth auf solche Geschichten steht.
Es ist letztlich ihr literarisches Vermögen und dieser glühende Blick auf ihre Figuren, die es mir sehr leicht gemacht haben, mich in sie hineinzubegeben und sie zu verstehen. Dass ich mir diese Freiheit überhaupt nehmen konnte, lag aber genauso an der Regisseurin auf diesem Projekt, Lisa Hrdina. Sie ist selbst so talentiert, erfahren und außerdem eine der angenehmsten Kolleginnen, die ich mir wünschen könnte. Ich habe mich jede Sekunde auf sie verlassen. Und dachte zwischendurch, na ja wenn‘s schiefgeht, geben wir einfach ihr die Schuld. Ich hatte wirklich die besten Bedingungen für dieses Hörbuch.
In »Die zweitgrößte Liebe« gibt es Szenen, in denen sich Michelle oft durch eine emotionale Kälte oder Zynismus schützt. Wie schwer fiel es dir, diese harte Schale zu sprechen, während darunter die Verletzlichkeit liegt?
Das fiel mir eigentlich leicht und hat mir mitunter sogar am meisten Spaß gemacht. Ich denke, Shelly und ich haben auch biografisch ein paar Überschneidungen. Deshalb war sie für mich (schon im Buch davor) wie eine kleine eigene Freundin. Und weil ich meine Freunde meistens mehr lieb habe als mich selbst, fällt es mir leichter, aus ihren Schuhen heraus zynisch oder finster zu werden. Für uns Spieler ist diese professionelle Distanz manchmal sogar ganz befreiend. Über Figuren kann man Dinge rauslassen, die gesellschaftlich oft weggenormt werden. Zum Beispiel zynisch oder kalt zu sein. Vielleicht liegt das aber auch an meinem Verwandtschaftsgefühl zu Shelly. Vieles, was sie geprägt hat, hat auch mich geprägt. Eigene Erfahrungen oder Eigenschaften kann ich oft besser anerkennen, wenn ich sie mit jemandem teilen darf. Und bei Freundinnen, wie Shelly, ist es mir ein Anliegen, ihre Geschichten genauso anzuerkennen wie die Entscheidungen, die sie – freiwillig oder gezwungenermaßen – (nie) getroffen haben.
Danke, liebe Lili!
Kuratiert von der argon-Presseabteilung.
- Verlag: argon digital
- Erscheinungstermin: 30.07.2026
- ISBN: 978-3-7324-8854-4
- Sprecher:innen: Lili Zahavi
