hingehört! Edgar Selge im Interview über »Juras letzter Winter«
Schauspieler Edgar Selge, der für seine Hörbuchlesung von »Hast du uns endlich gefunden« den Deutschen Hörbuchpreis 2022 als bester Interpret erhielt, befasst sich in seinem neuen Roman mit der Figur Jura Rjabinkin. Das Hörbuch hat er natürlich selbst eingelesen – und uns im Hörbuchstudio ein paar Fragen beantwortet.
argon: Hallo Edgar, was machst du hier?
Edgar Selge: Ich lese mein neues Buch ein.
Für Hast du uns endlich gefunden wurdest du mit dem Deutschen Hörbuchpreis als bester Interpret ausgezeichnet. Wie hoch ist nun der Druck, wieder so bravourös zu sein?
Edgar Selge: Oh, der Druck kommt ganz woanders her. Ein zweites Buch erzeugt einen enormen Druck. Mit dem ersten Buch habe ich den Eindruck, lebt man von der Substanz. Und beim zweiten Buch spielen auch fiktive Elemente eine viel größere Rolle. Beim ersten Buch gab es dann sehr schnell einen Tonfall, der das ganze Buch ausgemacht hat, weil es ein Kind ist, das seine Geschichte erzählt, ein zwölfjähriger Junge. Hier habe ich so etwas wie eine Rolle nicht zur Verfügung. Hier bin ich es selbst und komme mir manchmal vor wie eine Hülse, also wie jemand, der keinen Tonfall hat. Dafür ist jemand anderes da: Es ist ein Buch über ein Tagebuch eines 16-jährigen Jungen, Jura Rjabinkin, der in Leningrad 1941/42 verhungert ist während der Blockade der Deutschen, die fast 900 Tage dauerte. And dieser Junge hat ein Tagebuch geschrieben. Und das Buch, das ich geschrieben habe, befasst sich damit, dieses Tagebuch zu lesen und den Eindruck zu schildern, den es auf mich macht, was es mit mir macht. Es ist ein Buch über das Drama des Lesens, wenn man so will.
Was hat dir Anlass gegeben, Juras letzter Winter zu schreiben?
Edgar Selge: Also der Anlass, der ganz konkrete Anlass, ist eine Rede, die der russische Schriftsteller Daniil Granin 2014 am 27. Januar im Bundestag gehalten hat. Granin ist aus Leningrad. Er war während der Belagerung gerade über 20. Er hat dort mitgekämpft und die Stadt verteilt. Und er ist 2014 von den Abgeordneten, deutschen Abgeordneten, eingeladen an diesem speziellen Tag der Befreiung von Auschwitz und der Befreiung von Leningrad den Deutschen zu erzählen, wie er diese Belagerung erlebt hat. Und das ist eine ganz greifende Rede gewesen.
Das Interessante ist, dass diese Rede stattgefunden hat ungefähr sechs Wochen bevor Putins Truppen die Krim erobert haben. Und ja, man muss sich darüber klar sein, dass sechs Wochen später hätte man Granin nicht mehr eingeladen, weil er als Botschafter des Friedens und der Erinnerung, als offizieller Schriftsteller Russlands, ja, man muss das so sagen, gar nicht mehr repräsentativ und glaubwürdig gewesen wäre. Und so kann man sehr froh sein, dass es diese Rede trotzdem noch gerade rechtzeitig gegeben hat.
Und wie schon in Hast du uns endlich gefunden spielt die Beziehung zu den Eltern des Erzählers eine Rolle. Zufall?
Edgar Selge: Nein, der Erzähler wird zu einer Romanfigur, genauso wie der Tagebuchautor Jura Rjabinkin zu einer Romanfigur wird. Und ja, Juras Zusammenleben mit seiner Familie, mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester, steht im Zentrum seiner Biographie. Und entsprechend steht natürlich auch die Beziehung des Erzählers zu seinen Eltern mit im Zentrum. Das ist so wie wenn man sich trifft und über seine Herkunft miteinander spricht.
Ist es leichter oder schwerer, zum zweiten Mal deinen eigenen Text als Hörbuch einzulesen?
Edgar Selge: So genau kann ich mich nicht mehr erinnern, wie schwer das beim ersten war. Es war sicher auch nicht so einfach. Aber im Prinzip, glaube ich, ist alles an diesem zweiten Buch viel, viel schwieriger und komplizierter. Die Erfahrungen, die ich hier beim Lesen mache, sind für mich selbst sehr beeindruckend. Das Buch ist auch sehr intuitiv entstanden. Und wenn ich hier im Studio bin und wie ein Schauspieler diesen Text vor mir sehe, dann ist er zunächst einmal weit weg. Und wenn ich mich ihm nähere, geht es eigentlich auch nur intuitiv. Und was ich da eigentlich genau mache, ist mir nicht wirklich bewusst – noch nicht.
Suchst du die Themen deiner Romane ähnlich zu deinen Rollen als Schauspieler aus? Und wonach gehst du bei beidem?
Edgar Selge: Ich suche überhaupt nichts aus, ich habe nie was ausgesucht. Als Schauspieler wird man gefragt, ob man eine Rolle spielen möchte, jedenfalls in meinem Fall ist das immer so gewesen. Und ich bin froh darüber, dass ich nicht immer zusagen musste, sondern dass ich es mir auch leisten konnte, vieles nicht zu machen. Aber ausgesucht habe ich das nie. Und das ist auch richtig, weil der Blick, den andere auf einen haben, spielt eine große Rolle in dieser Arbeit, und den muss man ernst nehmen.
Und was jetzt das Schreiben betrifft: Beim ersten Buch war es so, dass ich schon immer wusste, dass meine eigene Familie eine auf der einen Seite eine bizarre Familie ist und auf der anderen Seite aber eine sehr typisch deutsche um 1960 herum. Und ich wollte von dieser Familie erzählen, aber eben aus der Perspektive des Kindes, weil... ja, weil mich das immer interessiert hat, nicht über ein Kind zu erzählen, sondern von einem Kind her zu erzählen.
Und hier ist es so, dass ja, natürlich schon die Erfahrung der Gewalt des Zweiten Weltkriegs mir in den Nerven sitzt und tief in meiner auch unbewussten Erinnerung steckt und weitergegeben ist von der Generation vor mir. Und ich mich gerne damit auseinandersetzen möchte, um das in den Fluss zu bringen. Denn Gewalt spielt auch jetzt in unserer Zeit wieder eine ganz große Rolle in den sozialen Medien, und auf uns kommt eine Partei und eine politische Veränderung zu, die uns sehr viel Mut abverlangt, nicht wieder in einen ganz fürchterlichen Nationalismus zurückzufallen.
Danke, Edgar.
- Verlag: argon digital
- Erscheinungstermin: 04.09.2026
- ISBN: 978-3-7324-2249-4
- Sprecher:innen: Edgar Selge
- Verlag: argon verlag
- Erscheinungstermin: 23.09.2026
- ISBN: 978-3-8398-2249-4
- Sprecher:innen: Edgar Selge

